Einleitung

Die erste gedruckte Werbung war kein farbiges Plakat für ein Luxusprodukt, keine Zeitungsanzeige und kein Markenclaim im modernen Sinn. Sie war ein kleines, reproduzierbares Verkaufsversprechen: ein Geschäft wollte auffallen, Qualität betonen, Wiedererkennung schaffen und Kunden an einen bestimmten Anbieter binden. Genau darin liegt ihre historische Sprengkraft. Mit gedruckter Werbung wurde kommerzielle Kommunikation erstmals standardisierbar, wiederholbar und in größerer Zahl verbreitbar. Aus einer mündlichen Empfehlung, einem Ladenschild oder einer handgeschriebenen Notiz wurde ein vervielfältigbares Medium.

Wenn man nach der „ersten gedruckten Werbung“ fragt, muss man präzise unterscheiden. Die älteste nachweisbare gedruckte Werbeform wird in der Forschung häufig mit China während der Song-Dynastie verbunden: der Druckplatte für „Jinan Liu’s Fine Needle Shop“, ein Geschäft für feine Nadeln, das mit einem weißen Kaninchen als Zeichen und einem Qualitätsversprechen warb. In Europa gilt dagegen William Caxtons Anzeige für die Pyes of Salisbury aus den Jahren 1476/1477 als früheste erhaltene gedruckte Werbung in englischer Sprache beziehungsweise als früheste erhaltene gedruckte Buchanzeige im englischen Raum (Caxton, 1477; Manchester Digital Collections, 2026). Die Marketing Museum-Zeitleiste nennt bereits die chinesische Nadelwerbung als frühen Meilenstein gedruckter Werbung; dieser Beitrag vertieft daher die historische Einordnung, vergleicht China und Europa und grenzt gedruckte Werbung von älteren Formen wie Wandwerbung, Münzbildern und Merchandising ab.

Aus Sicht der Marketinggeschichte ist die erste gedruckte Werbung deshalb so bedeutend, weil sie mehrere Entwicklungen bündelt: Drucktechnik, Handelskommunikation, Markenwiedererkennung, Qualitätsversprechen, Verkaufsförderung und Medienstandardisierung. Philip Kotlers Verständnis von Marketing als Wertschaffung, Wertkommunikation und Wertvermittlung bietet hierfür einen passenden Rahmen (Kotler und Keller, 2016). Gedruckte Werbung kommunizierte Wert, bevor moderne Marketingtheorie existierte. Hartmut Berghoffs Verständnis von Marketing als historisch gewachsene Sozialtechnik ist ebenfalls relevant, weil gedruckte Werbung zeigt, wie Technik, Markt und soziale Überzeugung zusammenwirkten (Berghoff, 2007). Eric H. Shaws Forschung zu antikem und mittelalterlichem Marketing macht zudem deutlich, dass Marketingpraktiken nicht erst mit der modernen Betriebswirtschaft begannen, sondern viel ältere Wurzeln besitzen (Shaw, 2016). Das Routledge Companion to Marketing History betont ausdrücklich, dass Marketinggeschichte nicht nur aus Theoriegeschichte besteht, sondern aus realen Praktiken von Handel, Distribution, Werbung, Markenbildung und Konsum (Jones und Tadajewski, 2016).

Werbung vor dem Druck: Zeichen, Rufe, Wände und Objekte

Gedruckte Werbung entstand nicht aus dem Nichts. Schon vor dem Druck existierten vielfältige Formen kommerzieller Kommunikation. Händler riefen ihre Waren aus, Werkstätten nutzten Symbole, Wirtshäuser zeigten Zeichen, Märkte waren durch visuelle und akustische Signale geprägt, und in antiken Städten wurden Wände als öffentliche Kommunikationsflächen genutzt. In Pompeji belegen erhaltene Wandinschriften, Wahlaufrufe, Veranstaltungsankündigungen und Geschäftshinweise, dass öffentliche Werbung und Promotion bereits vor fast 2.000 Jahren Teil urbaner Kultur waren.

Diese vormodernen Formen hatten jedoch Grenzen. Mündliche Werbung war flüchtig. Ladenschilder waren ortsgebunden. Wandinschriften mussten einzeln geschrieben oder gemalt werden. Handschriftliche Zettel konnten vervielfältigt werden, aber nur langsam und teuer. Gedruckte Werbung veränderte genau diesen Punkt. Sie machte eine Botschaft mechanisch wiederholbar.

Diana Twedes Arbeiten zur Verpackungs- und Markierungsgeschichte zeigen, dass Markierungen, Zeichen und visuelle Wiedererkennung schon lange vor moderner Markenführung wichtige Funktionen erfüllten (Twede, 2016). Ross D. Pettys Forschung zur Geschichte von Markenidentität und Markenschutz zeigt ebenfalls, dass kommerzielle Zeichen historisch eng mit Herkunft, Vertrauen und Qualität verbunden waren (Petty, 2016). Die erste gedruckte Werbung steht in dieser Linie: Sie war nicht nur ein Text, sondern ein reproduzierbares Vertrauens- und Wiedererkennungsinstrument.

China und die älteste bekannte gedruckte Werbung: Jinan Liu’s Fine Needle Shop

Die häufig als älteste bekannte gedruckte Werbung bezeichnete Quelle stammt aus China. Es handelt sich um eine Bronze- beziehungsweise Kupferdruckplatte aus der Song-Dynastie, die für das Nadelgeschäft der Familie Liu in Jinan verwendet wurde. Die Platte zeigt ein weißes Kaninchen als Erkennungszeichen und enthielt einen Werbetext, der sinngemäß besagte, dass hochwertige Stahlstäbe gekauft und zu feinen Nadeln verarbeitet würden, die schnell im Haushalt einsatzbereit seien. Die University of Washington beschreibt die Anzeige als gedruckten Handzettel aus Jinan, Liu’s Fine Needle Shop, Shandong, Song-Dynastie, und verweist auf chinesische Museums- beziehungsweise Bildquellen.

Diese Anzeige ist aus mehreren Gründen außergewöhnlich. Erstens ist sie gedruckt. Sie konnte also nicht nur einmal, sondern wiederholt auf Papier übertragen werden. Zweitens verbindet sie Text und Bild. Das weiße Kaninchen war nicht bloß Dekoration, sondern ein Markenzeichen. Drittens enthält sie ein Qualitätsversprechen: gutes Material, gute Herstellung, schneller Nutzen. Viertens verweist sie auf Wiedererkennung im Verkaufsumfeld. Der Kunde sollte das weiße Kaninchen als Zeichen des Geschäfts erkennen.

Gerade diese Kombination macht die Anzeige marketinghistorisch so modern. Sie enthält bereits Elemente, die heute selbstverständlich wirken: Firmenname, Logo, Produktkategorie, Qualitätsversprechen, Nutzenargument und visuelle Wiedererkennung. Dass dies in der Song-Dynastie geschah, ist kein Zufall. China verfügte früh über hochentwickelte Drucktechniken, urbane Märkte, spezialisierte Handwerker und eine lebendige Konsumkultur. Die Anzeige für Liu’s Fine Needle Shop zeigt, dass gedruckte Werbung dort nicht nur technische Möglichkeit, sondern kommerzielle Praxis war.

Die Forschung zu chinesischer Marken- und Konsumgeschichte weist darauf hin, dass die Song-Zeit durch starke Urbanisierung, Handel und Konsumformen geprägt war. Auch Zhihong Gao ist für die internationale Marketinggeschichte Chinas relevant, weil sie aufzeigt, dass Marketing- und Werbeentwicklungen außerhalb Europas nicht als bloße Nachahmungen westlicher Moderne verstanden werden dürfen. Die chinesische Nadelanzeige ist hierfür ein besonders anschaulicher Beleg: Gedruckte Werbung und Markenzeichen existierten in Ostasien deutlich früher als in Europa.

Das weiße Kaninchen als frühes Logo

Das weiße Kaninchen der Liu-Anzeige verdient besondere Aufmerksamkeit. Es war ein visuelles Zeichen, das Kunden wiedererkennen konnten. In einer Gesellschaft mit unterschiedlichen Alphabetisierungsgraden war ein Bildzeichen besonders wertvoll. Wer den Text nicht vollständig lesen konnte, konnte das Zeichen erkennen. Das Kaninchen verband Produkt, Geschäft und Ort.

Aus heutiger Sicht lässt sich dies als frühe Form von Branding beschreiben. Natürlich gab es noch kein modernes Markenrecht im heutigen Sinn. Aber die Funktion war ähnlich: Ein Zeichen half, einen Anbieter von anderen zu unterscheiden. Petty (2016) beschreibt Markenidentität historisch als Schutz- und Wiedererkennungsinstrument; genau diese Funktion erfüllte das weiße Kaninchen bereits in vormoderner Form.

Damit ist die Liu-Anzeige nicht nur eine frühe gedruckte Werbung, sondern auch ein frühes Beispiel integrierter Markenkommunikation. Text und Bild arbeiteten zusammen. Das Bild zog Aufmerksamkeit auf sich, der Text erklärte Qualität und Nutzen, und beide zusammen stärkten Wiedererkennung.

Warum Nadeln ein ideales Werbeprodukt waren

Nadeln waren kein Luxusgut im engeren Sinn, sondern nützliche Alltagswaren. Gerade deshalb ist die Anzeige spannend. Sie zeigt, dass frühe gedruckte Werbung nicht nur für Herrschaft, Religion oder Bücher eingesetzt wurde, sondern auch für handwerkliche Qualitätsprodukte. Eine Nadel ist klein, funktional und auf Qualität angewiesen. Schlechte Nadeln brechen, verbiegen sich oder taugen nicht für feine Arbeit. Daher war ein Qualitätsversprechen plausibel.

Die Anzeige betonte hochwertiges Ausgangsmaterial und gute Verarbeitung. Das entspricht einem Kernprinzip moderner Produktwerbung: Ein Anbieter muss erklären, warum sein Produkt besser oder vertrauenswürdiger ist als Alternativen. Das weiße Kaninchen erleichterte Wiedererkennung; der Text lieferte den Grund zu kaufen.

In diesem Sinn ist die Nadelanzeige ein früher Beleg dafür, dass Werbung nicht nur Aufmerksamkeit erzeugt, sondern Unsicherheit reduziert. Der Kunde soll glauben: Dieses Geschäft liefert Qualität.

Von China nach Europa: Unterschiedliche Druckkulturen

Die europäische Geschichte gedruckter Werbung beginnt deutlich später. Zwar gab es in Europa lange vor Gutenberg Händlerzeichen, Wappen, Handschriften, Blockbücher, Wallfahrtsbilder und Holzschnitte. Doch der Buchdruck mit beweglichen Lettern in der Mitte des 15. Jahrhunderts veränderte die Geschwindigkeit und Ökonomie der Vervielfältigung grundlegend.

Johannes Gutenberg steht für diese europäische Druckrevolution. Um 1450 entwickelte sich in Mainz die Technik des Drucks mit beweglichen Metalllettern, Pressen und ölhaltiger Druckfarbe. Der Buchdruck ermöglichte nicht nur die massenhafte Verbreitung von Büchern, sondern auch kleinere Drucksachen: Ablassbriefe, Kalender, Einblattdrucke, Flugblätter, Bekanntmachungen und Anzeigen. Für die Werbegeschichte ist das entscheidend, weil Werbung nun nicht mehr ausschließlich handschriftlich, mündlich oder ortsgebunden sein musste.

David McKitterick und Elizabeth Eisenstein haben in der Druck- und Buchgeschichte gezeigt, dass die Drucktechnik tiefgreifende Folgen für Wissen, Religion, Wissenschaft, Handel und Öffentlichkeit hatte. Für die Marketinggeschichte bedeutet dies: Der Druck machte wiederholbare kommerzielle Kommunikation möglich. Die Anzeige wurde zum reproduzierbaren Medium.

William Caxton und die erste gedruckte Werbung in England

In England ist William Caxton die zentrale Figur. Caxton war Kaufmann, Übersetzer, Drucker und Verleger. Er führte den Buchdruck in England ein und betrieb seine Druckerei im Bereich der Almonry bei Westminster. Seine Anzeige für die Sarum Ordinal beziehungsweise Pyes of Salisbury aus den Jahren 1476/1477 gilt als früheste erhaltene gedruckte Werbung in englischer Sprache beziehungsweise als früheste erhaltene englische Buchanzeige.

Die Manchester Digital Collections beschreiben das Objekt ausdrücklich als früheste erhaltene gedruckte Anzeige in der englischen Verlagsgeschichte. Der Hinweis am Ende, der darum bittet, den Zettel nicht zu entfernen, zeigt, dass er an einer Wand oder Tür angebracht werden sollte. Die Anzeige verwies Kunden auf Caxtons Geschäft, den „Red Pale“ in der Almonry, Westminster.

Diese Quelle ist für die Werbegeschichte Europas zentral. Sie zeigt, dass Drucker sehr früh verstanden, dass Druck nicht nur das Produkt, sondern auch dessen Vermarktung unterstützen konnte. Caxton druckte nicht nur Bücher; er warb für Bücher. Die Anzeige war wahrscheinlich klein, praktisch und lokal ausgerichtet. Sie sollte Passanten, Geistliche oder potenzielle Käufer erreichen, die ein liturgisches Hilfsbuch benötigten.

Die Pyes of Salisbury: Warum ein liturgisches Buch beworben wurde

Die Pyes of Salisbury beziehungsweise der Sarum Ordinal war kein Unterhaltungsbuch, sondern ein praktisches liturgisches Werk. Es half Geistlichen, die wechselnden Regeln und Kalenderfragen des kirchlichen Jahres zu handhaben. Gerade deshalb war es ein Produkt mit klarer Zielgruppe: Kleriker, kirchliche Einrichtungen und Personen mit liturgischem Bedarf.

Caxtons Anzeige war also keine allgemeine Massenwerbung für ein breites Publikum. Sie war eine frühe Zielgruppenwerbung. Sie richtete sich an Menschen, die dieses spezifische Buch benötigten. Damit zeigt sie ein weiteres Grundprinzip der Werbung: Ein Medium muss nicht alle erreichen, sondern die richtigen Personen.

Die Anzeige war inhaltlich knapp, aber funktional. Sie erklärte Verfügbarkeit und Bezugsort. Sie war damit zugleich Produktinformation, Verkaufshinweis und Wegweiser. Das entspricht einer frühen Form des Point-of-Sale-Marketings: Gedruckte Kommunikation sollte Käufer zum Händler führen.

Warum Caxtons Anzeige nicht die weltweit erste gedruckte Werbung war

In vielen englischsprachigen Darstellungen wird Caxtons Anzeige als „first printed advertisement“ bezeichnet. Das ist nur dann korrekt, wenn man den Kontext einschränkt: erste erhaltene gedruckte Werbung in englischer Sprache oder erste erhaltene englische Buchanzeige. Weltgeschichtlich ist die chinesische Nadelanzeige älter.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Marketinggeschichte sonst eurozentrisch wird. Die Song-dynastische Nadelanzeige zeigt, dass gedruckte Werbung in China Jahrhunderte vor Caxton existierte. Caxton bleibt dennoch wichtig, weil seine Anzeige den Übergang in der europäischen Druck- und Verlagsgeschichte markiert.

Eine sorgfältige Formulierung lautet daher: Die älteste bekannte gedruckte Werbung wird häufig mit dem chinesischen Nadelgeschäft der Familie Liu in der Song-Dynastie verbunden; die früheste erhaltene gedruckte Werbung in englischer Sprache ist Caxtons Anzeige für die Pyes of Salisbury von 1476/1477. Diese Differenzierung verhindert falsche Superlative und zeigt die internationale Breite der Werbegeschichte.

Einblattdrucke, Handzettel und frühe Plakatlogik

Sowohl die chinesische Nadelanzeige als auch Caxtons Buchanzeige gehören zur Geschichte kleiner Drucksachen. Sie waren keine Zeitungsanzeigen, sondern Einblatt- beziehungsweise Handzettelformen. Solche Drucksachen waren beweglicher, billiger und unmittelbarer als Bücher. Sie konnten ausgehängt, verteilt oder an Türen angebracht werden.

Diese Form war für Werbung besonders geeignet. Sie musste nicht dauerhaft archiviert werden, sondern Aufmerksamkeit erzeugen. Gerade deshalb sind viele frühe Werbedrucke verloren. Sie waren Gebrauchsmedien, keine Prestigeobjekte. Ihre Seltenheit in Bibliotheken und Museen sagt daher weniger über ihre historische Bedeutung aus als über ihre geringe Überlieferungschance.

In der Werbegeschichte ist das ein wiederkehrendes Problem. Alltagswerbung wird häufig weggeworfen. Plakate, Handzettel, Verpackungen, Preisschilder und Prospekte sind oft kurzlebig. Deshalb sind erhaltene Beispiele wie Caxtons Anzeige oder die Liu-Druckplatte so wertvoll. Sie sind seltene Fenster in eine sonst verlorene kommerzielle Druckkultur.

Gedruckte Werbung und die Geburt reproduzierbarer Verkaufskommunikation

Die zentrale Neuerung gedruckter Werbung war Reproduzierbarkeit. Eine mündliche Botschaft musste wiederholt gesprochen werden. Eine handschriftliche Botschaft musste einzeln abgeschrieben werden. Eine gedruckte Botschaft konnte in vielen Exemplaren identisch erscheinen. Das veränderte Werbung grundlegend.

Reproduzierbarkeit erzeugte Konsistenz. Jeder Abdruck konnte denselben Namen, dasselbe Zeichen und dasselbe Versprechen zeigen. Genau dies ist für Markenbildung wichtig. Eine Marke entsteht nicht durch einmalige Erwähnung, sondern durch wiederholte, konsistente Zeichenführung. Wally Olins beschrieb Corporate Identity später als sichtbare Strategie durch Design (Olins, 1989). Die erste gedruckte Werbung steht am Anfang dieser Logik: Ein Geschäft kann sein Zeichen und seine Botschaft wiederholen.

Druck ermöglichte außerdem Skalierung. Eine Anzeige konnte an mehreren Orten erscheinen. Ein Drucker, Händler oder Verlag konnte Märkte über lokale Sichtbarkeit hinaus ansprechen. Das war noch nicht moderne Massenwerbung, aber es war ein entscheidender Schritt in diese Richtung.

Frühe gedruckte Werbung und die Geschichte des Buchmarkts

Der europäische Buchmarkt war einer der ersten Bereiche, in denen gedruckte Werbung besonders sinnvoll war. Bücher waren erklärungsbedürftig, teuer und zielgruppenabhängig. Drucker mussten Käufer informieren, welche Werke verfügbar waren. Sie mussten Geistliche, Gelehrte, Studenten, Juristen oder Kaufleute erreichen. Anzeigen, Kataloge und Aushänge unterstützten diesen Prozess.

Caxtons Anzeige gehört daher nicht zufällig zum Buchhandel. Der Buchdruck schuf nicht nur neue Produkte, sondern auch neue Vermarktungsnotwendigkeiten. Bücher mussten bekannt gemacht werden. Der Drucker wurde zum Produzenten, Händler und Kommunikator zugleich.

James Raven und andere Buchhistoriker haben gezeigt, dass der Buchhandel früh komplexe Formen von Distribution, Anzeige, Subskription und Katalogkommunikation entwickelte. Für die Marketinggeschichte ist der Buchmarkt deshalb ein wichtiges Labor früher gedruckter Werbung.

Von der Buchanzeige zur Zeitungsanzeige

Gedruckte Werbung blieb nicht auf Handzettel beschränkt. Mit der Entstehung periodischer Presse im 17. Jahrhundert entstanden neue Werberäume. Zeitungen und Nachrichtenblätter boten regelmäßige Veröffentlichungsrhythmen, ein wiederkehrendes Publikum und Raum für Anzeigen. Die Marketing Museum-Zeitleiste verweist auf frühe gedruckte Zeitungsanzeigen in niederländischen Zeitungen des 17. Jahrhunderts.

Zeitungsanzeigen veränderten Werbung, weil sie kommerzielle Botschaften in ein periodisches Informationsmedium integrierten. Während Caxtons Anzeige an einer Tür oder Wand hing, erschien die Zeitungsanzeige in einem Medium, das Menschen wegen Nachrichten, Handel, Politik oder Bekanntmachungen lasen. Damit begann eine neue Phase: Werbung wurde Bestandteil redaktioneller Medienumgebungen.

Michael Schudson, Daniel Pope, Juliann Sivulka und Stephen Fox haben für spätere Phasen gezeigt, wie stark moderne Werbung mit Medienentwicklung, Konsumkultur und professioneller Werbeindustrie verbunden ist. Doch diese spätere Entwicklung baut auf einer einfachen frühen Einsicht auf: Wer ein Publikum regelmäßig erreicht, kann auch kommerzielle Botschaften verbreiten.

Gedruckte Werbung als frühe Verkaufsförderung

Die erste gedruckte Werbung war nicht nur Kommunikation, sondern Verkaufsförderung. Sie sollte Handlung auslösen: zum Geschäft gehen, ein Buch kaufen, ein Produkt erkennen, einem Qualitätsversprechen vertrauen. Damit gehört sie zur Geschichte dessen, was später als Sales Promotion, Retail Advertising und Point-of-Sale-Kommunikation bezeichnet wurde.

Fred K. Beard betont in seiner Forschung zur Werbegeschichte, dass Werbung nicht erst mit der modernen Agenturindustrie beginnt, sondern in viel älteren Praktiken der öffentlichen Verkaufs- und Überzeugungskommunikation wurzelt (Beard, 2017). Caxtons Anzeige und die Liu-Druckplatte bestätigen dies. Sie sind klein, aber funktional. Sie wollen nicht „Image“ im modernen Sinn aufbauen, sondern Nachfrage auf ein konkretes Angebot lenken.

Stanley C. Hollanders retailhistorischer Ansatz ist hier ebenfalls relevant. Werbung muss im Zusammenhang mit Verkauf, Laden, Distribution und Kundenzugang verstanden werden (Hollander, 1986). Die Liu-Anzeige verweist auf ein Geschäft und ein Zeichen; Caxtons Anzeige verweist auf einen Verkaufsort. Beide sind eng mit dem Point of Sale verbunden.

Druckwerbung und Vertrauen

Ein wichtiger Aspekt früher gedruckter Werbung ist Vertrauen. Ein gedruckter Text wirkt anders als ein mündlicher Ruf. Er kann seriöser, dauerhafter und offizieller erscheinen. Das bedeutet nicht, dass gedruckte Werbung automatisch wahr war, aber sie konnte Autorität erzeugen. Die technische Reproduzierbarkeit verlieh der Botschaft eine neue Stabilität.

Bei Liu’s Fine Needle Shop war Vertrauen an Qualität und Zeichen gebunden. Bei Caxton war Vertrauen an den Drucker, den Ort und das liturgische Produkt gebunden. In beiden Fällen reduzierte Werbung Unsicherheit. Sie sagte dem Kunden: Dieses Produkt ist verfügbar, dieser Anbieter ist auffindbar, dieses Zeichen ist wiedererkennbar, diese Qualität wird behauptet.

Rowena Olegarios Arbeiten zur Geschichte von Kredit und Vertrauen zeigen, dass Märkte immer auf Glaubwürdigkeit angewiesen sind (Olegario, 2006). Gedruckte Werbung war ein neues Instrument, um Glaubwürdigkeit sichtbar zu machen.

Gedruckte Werbung, Branding und geistiges Eigentum

Die Entwicklung gedruckter Werbung steht eng mit der Geschichte von Branding und geistigem Eigentum zusammen. Sobald Zeichen und Drucke reproduzierbar wurden, konnten sie auch kopiert werden. Das führte langfristig zu Problemen von Nachahmung, Markenschutz und Urheberrecht. Albrecht Dürer ist ein berühmtes Beispiel für einen Künstler, der seine Monogramm-Marke „AD“ verwendete und gegen Kopien vorging. Die Marketing Museum-Zeitleiste nennt Dürer deshalb als wichtigen Meilenstein früher Marken- und Schutzaktivitäten.

Ross D. Petty (2016) zeigt, dass die Geschichte des Brandings eng mit rechtlichem Schutz verbunden ist. Gedruckte Werbung beschleunigte diese Entwicklung, weil sie Zeichen sichtbarer und kopierbarer machte. Ein Logo oder Markenzeichen konnte nun verbreitet werden, musste aber auch gegen Missbrauch geschützt werden.

Die Liu-Anzeige mit dem weißen Kaninchen zeigt diese Problematik bereits in früher Form. Das Zeichen sollte Wiedererkennung schaffen. Sobald Wiedererkennung wirtschaftlich wertvoll wird, entsteht auch ein Interesse an Schutz.

Der Zusammenhang mit frühen Merchandising-Artikeln

Die Anfrage nach der ersten gedruckten Werbung berührt auch frühe Merchandising-Artikel, weil beide Themen auf derselben historischen Logik beruhen: Zeichen werden reproduziert und mit Bedeutung aufgeladen. Dennoch sind sie zu unterscheiden. Gedruckte Werbung ist ein Kommunikationsmedium; Merchandising ist ein Objektverkauf, bei dem Waren mit Orten, Personen, Ereignissen oder Symbolen verbunden werden.

Zu den ältesten gut nachweisbaren merchandisingähnlichen Artikeln gehören römische Souvenirs und mittelalterliche Pilgerzeichen. Maggie Popkin untersucht römische Souvenirs wie Glasfläschchen mit Ortsdarstellungen oder Objekte mit Bezug zu Spektakeln, Reisen und imperialer Erfahrung (Popkin, 2022). Mittelalterliche Pilgerzeichen und Ampullen sind besonders klar belegte Massenobjekte: Die Kunera-Datenbank verzeichnet mehr als 26.000 spätmittelalterliche Abzeichen und Ampullen, und das British Museum besitzt mehrere Becket-Ampullen vom Schrein des Thomas Becket in Canterbury.

Der Zusammenhang zur gedruckten Werbung liegt in der Reproduzierbarkeit. Ein Pilgerzeichen reproduziert ein Heiligensymbol materiell. Eine gedruckte Anzeige reproduziert eine Verkaufsbotschaft medial. Beide machen Bedeutung transportierbar. Beide zeigen, dass Marketinggeschichte nicht nur aus Texten besteht, sondern aus einer Verbindung von Dingen, Zeichen und Verbreitung.

Warum die erste gedruckte Werbung kein moderner Werbetext war

Die erste gedruckte Werbung war nicht modern im Sinn späterer Anzeigenpsychologie. Sie arbeitete nicht mit emotionalem Storytelling, Zielgruppenforschung, Mediaplanung oder Markenpositionierung im heutigen Sinn. Dennoch enthielt sie Grundelemente moderner Werbung: Produktinformation, Anbieteridentifikation, Qualitätsversprechen, Wiedererkennung und Handlungsaufforderung.

Das ist methodisch wichtig. Mark Tadajewskis kritische Marketinggeschichte mahnt dazu, moderne Kategorien nicht unreflektiert auf die Vergangenheit zu übertragen (Tadajewski, 2016). Die Liu-Anzeige war keine moderne Kampagne. Caxtons Anzeige war kein Anzeigenmotiv im Stil des 19. Jahrhunderts. Aber beide waren gedruckte, kommerziell motivierte Kommunikationsmittel. Genau deshalb gehören sie in die Geschichte der Werbung.

Die erste gedruckte Werbung zeigt also nicht den Anfang von Marketing überhaupt, sondern einen Medienwechsel innerhalb älterer Marktkommunikation. Werbung existierte vorher; der Druck veränderte ihre Form.

Fazit

Die erste gedruckte Werbung ist kein einzelner einfacher Ursprungspunkt, sondern ein global differenzierter Meilenstein. Weltgeschichtlich gehört die Anzeige von Jinan Liu’s Fine Needle Shop aus der chinesischen Song-Dynastie zu den ältesten bekannten Beispielen gedruckter Werbung. Sie verband Firmenname, Produkt, Qualitätsversprechen und ein weißes Kaninchen als frühes Markenzeichen. In Europa beziehungsweise im englischen Sprachraum gilt William Caxtons Anzeige für die Pyes of Salisbury von 1476/1477 als früheste erhaltene gedruckte Werbung in englischer Sprache.

Beide Beispiele zeigen, dass gedruckte Werbung aus praktischen Marktbedürfnissen entstand. Händler und Drucker wollten Produkte sichtbar machen, Qualität behaupten, Wiedererkennung schaffen und Käufer zum Verkaufsort führen. Die historische Bedeutung liegt nicht in Größe oder künstlerischer Raffinesse, sondern in der Reproduzierbarkeit. Gedruckte Werbung machte kommerzielle Kommunikation standardisierbar.

Für die Marketinggeschichte ist diese Entwicklung zentral. Sie verbindet ältere Formen von Zeichen, Ruf, Wandwerbung, Ladenkommunikation und Merchandising mit der späteren Welt von Flugblättern, Plakaten, Zeitungsanzeigen, Markenlogos und Massenwerbung. Die erste gedruckte Werbung war klein. Aber sie markierte einen großen Schritt: Aus der einmaligen Botschaft wurde ein vervielfältigbares Verkaufsmedium.

Literaturverzeichnis

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