Einleitung

Merchandising begann nicht mit Popstars, Fußballvereinen, Filmstudios oder Freizeitparks. Schon lange bevor Konzert-T-Shirts, Disney-Figuren, Vereins-Schals oder Museumsshop-Taschen verkauft wurden, kauften Menschen Gegenstände, die mehr waren als bloße Waren. Sie kauften Dinge, die eine Reise, ein Heiligtum, ein Spektakel, einen Heiligen, einen Ort oder eine Erinnerung tragbar machten. Ein solches Objekt sagte: Ich war dort. Ich gehöre dazu. Ich habe dieses Ereignis erlebt. Ich verehre diese Figur. Ich trage ein Zeichen meiner Erfahrung.

Der moderne Begriff „Merchandising“ darf dabei nicht unkritisch auf Antike und Mittelalter übertragen werden. Römer, Pilger oder mittelalterliche Handwerker sprachen nicht von Markenlizenzen, Fanartikeln oder Merchandise. Dennoch lassen sich frühe Formen von Merchandising historisch nachweisen, wenn man den Begriff weiter fasst: als Herstellung und Verkauf von Objekten, die mit einem Ort, Ereignis, Kult, einer Person, Institution oder Erzählung verbunden sind. Genau in diesem Sinn lassen sich römische Souvenirs, Gladiatorenlampen, Stadtfläschchen, Pilgerzeichen, Ampullen und Wallfahrtsabzeichen als frühe Formen von Merchandising verstehen.

Für die Marketinggeschichte ist dieses Thema besonders wichtig, weil es zeigt, dass Produkte schon früh als Träger von Bedeutung funktionierten. Philip Kotler beschreibt Marketing als Prozess der Wertschaffung, Wertkommunikation und Wertvermittlung (Kotler und Keller, 2016). Frühes Merchandising verband alle drei Ebenen: Ein Gegenstand hatte materiellen Wert, kommunizierte Zugehörigkeit oder Erinnerung und vermittelte symbolischen Nutzen. Hartmut Berghoff versteht Marketing als historisch gewachsene Sozialtechnik, also als Praxis, mit der Märkte, Bedeutungen und soziale Beziehungen geformt werden (Berghoff, 2007). Genau das zeigen frühe Merchandising-Objekte: Sie machten Erlebnisse, Orte und Zugehörigkeiten materiell sichtbar.

Die marketinghistorische Forschung von Eric H. Shaw zu antikem und mittelalterlichem Marketing ist hierfür besonders anschlussfähig, weil Shaw betont, dass viele marktbezogene Praktiken lange vor der modernen Marketingdisziplin existierten (Shaw, 2016). Auch das Routledge Companion to Marketing History von Jones und Tadajewski (2016) eröffnet einen breiten historischen Blick auf Marketing, der nicht erst mit Werbeagenturen, Markenartikeln oder Warenhäusern des 19. Jahrhunderts beginnt. Die öffentlich sichtbaren Inhalte von marketing.museum behandeln frühe Marketing- und Kommunikationspraktiken bereits in einer breiten historischen Linie; dieser Beitrag vertieft daher gezielt die materielle Seite früher Merchandising-Objekte und vermeidet eine bloße Wiederholung allgemeiner Marketingursprünge.

Was ist frühes Merchandising?

Modernes Merchandising bezeichnet meist den Verkauf von Produkten, die mit einer Marke, einem Star, einem Verein, Film, Museum, Event oder Ort verbunden sind. Typische Beispiele sind T-Shirts, Tassen, Figuren, Poster, Anstecker, Schlüsselanhänger oder Sammlerobjekte. Die Ware ist dabei nicht nur wegen ihres praktischen Nutzens interessant, sondern wegen ihrer Verbindung zu einer Geschichte, einem Erlebnis oder einer Identität.

Historisch betrachtet ist genau diese Logik sehr alt. Ein römisches Öllämpchen mit Gladiatorendarstellung spendete Licht, aber es brachte zugleich die Welt der Arena in den privaten Raum. Ein Glasfläschchen mit Darstellung von Baiae oder Puteoli konnte als Behälter dienen, aber zugleich an einen Ort erinnern. Ein mittelalterliches Pilgerzeichen aus Blei-Zinn-Legierung war ein kleines Objekt, aber zugleich Nachweis einer Pilgerreise, religiöses Zeichen, Erinnerungsstück und öffentlich sichtbares Statussymbol.

Damit unterscheidet sich frühes Merchandising von gewöhnlichem Handel. Nicht jedes antike Gefäß, jede Lampe oder jedes Schmuckstück ist automatisch Merchandising. Entscheidend ist die Verbindung des Gegenstands mit einem spezifischen Ort, Ereignis, Kult, Spektakel oder einer verehrten Person. Ein einfacher Becher ist eine Ware. Ein Becher mit Darstellung eines berühmten Ortes oder eines populären Spektakels wird zum Erinnerungs- und Bedeutungsobjekt.

Sidney J. Levy hat in seinem klassischen Aufsatz „Symbols for Sale“ gezeigt, dass Konsumgüter nicht nur wegen ihrer Funktion gekauft werden, sondern auch wegen ihrer symbolischen Bedeutung (Levy, 1959). Russell Belk beschrieb Besitz später als Erweiterung des Selbst (Belk, 1988). Frühes Merchandising macht diese symbolische Konsumlogik besonders sichtbar. Der Gegenstand ist nicht nur Ding, sondern Träger einer Geschichte.

Römische Souvenirs als frühe Merchandising-Objekte

Eine der wichtigsten neueren Quellen zum Thema ist Maggie L. Popkins Studie Souvenirs and the Experience of Empire in Ancient Rome. Popkin untersucht römische Souvenirs als Objekte, die Orte, Personen, Spektakel und Erfahrungen erinnerten und im Römischen Reich zirkulierten (Popkin, 2022). Cambridge University Press beschreibt das Buch als eingehende Untersuchung einer bislang vergleichsweise wenig beachteten Objektgruppe, die mit Erinnerung, Wissen und imperialer Erfahrung verbunden war.

Römische Souvenirs konnten viele Formen annehmen: Glasfläschchen mit Stadtansichten, Lampen mit Gladiatoren- oder Zirkusmotiven, kleine Figuren, Gefäße, Medaillons oder Objekte mit Bezug zu religiösen Orten und öffentlichen Spektakeln. Ihre Bedeutung lag nicht nur in der Nutzung, sondern in der Verbindung. Sie verknüpften Käufer mit einem Ort, einer Reise, einem Ereignis oder einer kulturellen Erfahrung.

Besonders interessant sind römische Glasfläschchen mit Darstellungen von Orten wie Puteoli oder Baiae. Solche Objekte konnten als Behälter dienen, aber zugleich als sichtbare Erinnerung an eine Reise oder einen Aufenthalt. Popkin argumentiert, dass römische Souvenirs Erfahrungen materialisierten und dadurch Erinnerungen stabilisierten (Popkin, 2022).

Aus marketinghistorischer Sicht ist das bemerkenswert. Der Ort wurde in ein Objekt übersetzt. Die Erfahrung wurde transportierbar. Wer ein solches Souvenir besaß, konnte darüber sprechen, es zeigen, aufbewahren oder mit ins Grab nehmen. Das Objekt verlängerte die Erfahrung über den Moment des Besuchs hinaus. Genau diese Logik prägt Merchandising bis heute.

Gladiatoren, Arena und frühes Event-Merchandising

Noch näher an modernem Merchandising liegt die römische Spektakelkultur. Gladiatorenspiele, Wagenrennen und Amphitheaterveranstaltungen gehörten zu den wichtigsten Formen öffentlicher Unterhaltung. Sie erzeugten Publikum, Stars, Fanbindungen, Rivalitäten und Bilderwelten. Diese Bilderwelt wanderte in Objekte.

Popkin zeigt, dass römische Öllampen häufig mit Motiven aus Zirkus und Arena geschmückt waren, darunter Wagenlenker und Gladiatoren (Popkin, 2022). Der Getty-Katalog antiker Lampen unterstreicht ebenfalls, dass Öllampen nicht nur Alltagsobjekte waren, sondern Bildträger, die Einblicke in Vorlieben, Alltag und visuelle Kultur der Antike geben (Bussière und Lindros Wohl, 2017).

Eine Gladiatorenlampe war daher mehr als ein Beleuchtungsgerät. Sie brachte das öffentliche Spektakel in den privaten Haushalt. Sie erlaubte dem Besitzer, ein Stück Arena-Kultur zu besitzen. In moderner Terminologie kann man vorsichtig von frühem Entertainment-Merchandising sprechen. Die Arena produzierte nicht nur Unterhaltung, sondern auch sekundäre Objektwelten.

Auch archäologische Forschung zu römischen Amphitheatern zeigt, dass um Veranstaltungsorte kommerzielle Infrastruktur entstehen konnte. Berichte zu Carnuntum beschreiben Läden, Essensstände und mögliche Souvenirverkäufe im Umfeld des Amphitheaters; ausdrücklich wird erwähnt, dass Öllampen mit Gladiatorendarstellungen in diesem Umfeld verkauft wurden beziehungsweise als wahrscheinliche Souvenirs gelten.

Das entspricht einer bis heute bekannten Logik: Wo Publikum zusammenkommt, entsteht ein Markt für Essen, Trinken, Erinnerungsstücke und symbolische Teilnahme. Ein modernes Stadion verkauft Trikots, Schals und Becher. Ein römisches Amphitheaterumfeld konnte Lampen, Speisen und kleine Waren hervorbringen. Die historische Distanz ist groß, aber die Grundstruktur ist erkennbar.

Die Arena als Markenraum

Gladiatorenspiele waren nicht nur sportlich oder brutal, sondern auch sozial aufgeladen. Gladiatoren konnten bekannt werden, Namen konnten zirkulieren, Fans konnten Vorlieben entwickeln. Ein Objekt mit Gladiatorendarstellung war daher nicht neutral. Es verband den Käufer mit einer populären Unterhaltungskultur.

Fred K. Beard argumentiert in seiner Forschung zur antiken Werbung, dass antike Kommunikations- und Verkaufspraktiken wichtige Einsichten für die Geschichte von Werbung und Promotion liefern (Beard, 2017). Gladiatorenobjekte gehören in diesen Zusammenhang. Sie zeigen, dass Events nicht nur am Veranstaltungsort stattfanden, sondern auch in Objekten weiterlebten.

Moderne Fanartikel funktionieren ähnlich. Ein Fußballschal ist nicht nur Stoff, sondern Zeichen von Zugehörigkeit. Eine Gladiatorenlampe war kein Fanartikel im heutigen Vereins- oder Lizenzrechtssinn, aber sie konnte eine vergleichbare kulturelle Funktion erfüllen: Sie machte Begeisterung, Erinnerung oder Teilnahme sichtbar.

Religiöse Souvenirs und die lange Geschichte devotionalen Merchandisings

Neben römischen Spektakelsouvenirs sind religiöse Objekte besonders wichtig für die Geschichte frühen Merchandisings. Heiligtümer, Tempel, Wallfahrtsorte und später christliche Pilgerstätten erzeugten Märkte für kleine tragbare Dinge. Diese Objekte konnten Schutz versprechen, Erinnerung bewahren, Zugehörigkeit zeigen oder die Verbindung zu einem heiligen Ort körperlich erfahrbar machen.

Im mittelalterlichen Europa wurden Pilgerzeichen und Ampullen zu besonders klaren Formen früher massenproduzierter Merchandising-Objekte. Sie waren häufig aus preiswertem Blei-Zinn-Material gefertigt und konnten an Hut, Mantel oder Tasche befestigt werden. Sie zeigten Heilige, Reliquien, Wappen, Muscheln, Tiere, Werkzeuge oder Symbole bestimmter Wallfahrtsorte.

Die Datenbank Kunera, ein wichtiges wissenschaftliches Projekt zu spätmittelalterlichen Abzeichen und Ampullen, bietet Zugang zu mehr als 26.000 Objekten. Kunera betont, dass diese Badges und Ampullae regelmäßig in Flussuferfunden und alten Stadtzentren auftreten und trotz ihrer einstigen Massenproduktion häufig nur in Einzelstücken erhalten sind.

Das ist ein starker Nachweis für frühes massenhaftes Merchandising. Die Objekte waren klein, günstig, bildstark, tragbar und ortsbezogen. Sie wurden erworben, um eine Reise oder Verehrung sichtbar zu machen. Gleichzeitig verbreiteten sie das Bild und den Ruf des Wallfahrtsortes weit über den Ort selbst hinaus.

Pilgerzeichen als mittelalterliche Massenware

Pilgerzeichen zählen zu den klarsten frühen Merchandising-Artikeln der europäischen Geschichte. Sie wurden an Wallfahrtsorten verkauft und von Pilgern sichtbar getragen. Das Becket Story-Projekt beschreibt, dass Pilger Ampullen um den Hals trugen und Abzeichen an Hut oder Reisemantel befestigten.

Diese Objekte erfüllten mehrere Funktionen zugleich. Sie waren Souvenir, Beweis, religiöses Zeichen, Schutzobjekt und sozialer Marker. Ein Pilger, der ein Zeichen aus Canterbury, Santiago oder einer anderen Wallfahrtsstätte trug, machte seine Reise öffentlich sichtbar. Das Objekt kommunizierte: Diese Person war an einem bestimmten heiligen Ort.

Aus heutiger Marketingsicht ist das besonders interessant, weil das Pilgerzeichen den Käufer selbst zum Träger der Kommunikation machte. Moderne Marken nutzen T-Shirts, Taschen oder Anstecker, um Käufer zu sichtbaren Botschaftern zu machen. Ein mittelalterliches Pilgerzeichen funktionierte ähnlich: Es wanderte mit dem Menschen, verbreitete das Symbol des Ortes und löste Gespräche aus.

History Today beschreibt mittelalterliche Pilgerzeichen ausdrücklich als touristische Andenken, die aus der Distanz attraktiv und aus der Nähe identifizierbar sein sollten.

Canterbury und Thomas Becket: Ein früher Merchandising-Komplex

Ein besonders gut belegtes Beispiel ist der Kult um Thomas Becket. Nach seiner Ermordung in der Kathedrale von Canterbury im Jahr 1170 entwickelte sich Canterbury zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte Europas. Pilger erwarben dort Abzeichen und Ampullen, die mit Becket, seinem Martyrium oder seinem Schrein verbunden waren.

Das British Museum besitzt mehrere solcher Becket-Souvenirs. Ein Beispiel ist eine schiffsförmige Ampulle aus Blei-Legierung, datiert ungefähr auf 1170–1250, die ausdrücklich als Pilger-Souvenir vom Schrein des heiligen Thomas Becket in Canterbury beschrieben wird. Ein weiteres Objekt ist eine hohl gegossene Ampulle mit Darstellungen aus Beckets Kult, darunter sein Martyrium.

Diese Objekte zeigen, wie differenziert mittelalterliches Merchandising sein konnte. Sie trugen nicht nur ein allgemeines religiöses Zeichen, sondern konkrete erzählerische und ikonographische Bezüge. Sie verbanden Ort, Person, Ereignis und Materialität. Der Pilger kaufte nicht einfach Metall, sondern eine tragbare Verbindung zu Becket und Canterbury.

Aus marketinghistorischer Perspektive ist das ein bemerkenswertes Zusammenspiel von Storytelling, Ortsmarke und Objekt. Die Erzählung vom Märtyrer wurde bildlich verdichtet, das Heiligtum wurde zum Ziel, und die Ampulle machte die Erfahrung tragbar.

Ampullen: Behälter, Souvenir und heiliges Medium

Ampullen sind besonders interessant, weil sie nicht nur Zeichen, sondern auch Behälter waren. Sie konnten heiliges Wasser, Öl oder andere mit einem Schrein verbundene Substanzen enthalten. Damit verbanden sie symbolischen und praktischen Nutzen.

Das British Museum beschreibt Becket-Ampullen als hohl gegossene Pilger-Souvenirs, häufig mit Szenen aus Beckets Leben oder Kult. Eine Ampulle war also zugleich Gefäß, Erinnerungsstück, religiöses Objekt und sichtbarer Beweis einer Pilgerreise.

Diese Mehrfachfunktion erinnert an modernes Merchandising, bei dem Objekte häufig nützlich und symbolisch zugleich sind. Eine Museumstasse hält Kaffee, signalisiert aber auch kulturelles Interesse. Eine Vereinsmütze wärmt, zeigt aber zugleich Zugehörigkeit. Eine mittelalterliche Ampulle konnte Flüssigkeit enthalten, aber zugleich spirituelle und soziale Bedeutung tragen.

Die Jakobsmuschel von Santiago de Compostela

Ein weiteres berühmtes Beispiel ist die Jakobsmuschel, die mit der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela verbunden wurde. Sie war nicht zwingend immer ein industriell gefertigtes Objekt wie ein Bleizeichen, wurde aber zu einem der bekanntesten Pilgersymbole Europas. Als sichtbares Zeichen am Körper oder an der Kleidung machte sie Pilgeridentität erkennbar.

Die Muschel zeigt, dass Merchandising nicht immer aus komplexer Produktion entstehen muss. Entscheidend ist die stabile Verbindung zwischen Objekt und Bedeutung. Durch wiederholte Nutzung wurde die Muschel zum Zeichen einer Pilgerreise, eines Ortes und einer religiösen Erfahrung. In moderner Markenlogik wäre sie ein starkes Destinationssymbol.

Diana Twedes Forschung zur Geschichte von Verpackung und Markierung zeigt, dass materielle Zeichen Herkunft, Identität und Bedeutung vermitteln können (Twede, 2016). Die Jakobsmuschel erfüllt genau diese Funktion im religiös-kulturellen Raum.

Älteste nachweisbare Merchandising-Artikel: Eine vorsichtige Einordnung

Die Frage nach den ältesten nachweisbaren Merchandising-Artikeln lässt sich nicht mit einem einzigen Objekt endgültig beantworten. Es hängt davon ab, wie eng der Begriff „Merchandising“ definiert wird. Wenn man jede symbolische Erinnerungssache einbezieht, könnten prähistorische Schmuckobjekte, Amulette oder Votivgaben genannt werden. Diese sind aber nicht immer klar als verkaufte, orts- oder eventbezogene Merchandising-Artikel nachweisbar.

Wenn man Merchandising enger als produzierte und verbreitete Objekte versteht, die mit Orten, Ereignissen, Personen, Kulten oder Spektakeln verbunden waren, dann sind drei Gruppen besonders überzeugend:

Erstens römische Souvenirs aus der Kaiserzeit, darunter Glasfläschchen mit Ortsdarstellungen und Objekte, die bestimmte Städte, Badeorte oder Sehenswürdigkeiten erinnerten. Popkin (2022) behandelt diese Objekte ausdrücklich als Souvenirs des Römischen Reiches und zeigt ihre Rolle für Erinnerung und imperiale Erfahrung.

Zweitens römische Spektakelobjekte wie Öllampen mit Gladiatoren-, Zirkus- oder Wagenrennmotiven. Diese Objekte verbanden Alltag und Unterhaltungskultur und können als frühe Formen von Event- oder Fan-Merchandising verstanden werden (Popkin, 2022; Bussière und Lindros Wohl, 2017).

Drittens mittelalterliche Pilgerzeichen und Ampullen, besonders seit dem Hochmittelalter. Sie sind als massenhaft produzierte, ortsgebundene, tragbare Souvenirs besonders klar nachweisbar. Die Becket-Ampullen des British Museum und die mehr als 26.000 Objekte in Kunera zeigen die Breite dieser Objektwelt.

Die römischen Beispiele sind älter. Die mittelalterlichen Pilgerzeichen sind jedoch in ihrer Massenproduktion, Tragbarkeit, Ortsbindung und sozialen Sichtbarkeit besonders nahe an modernem Merchandising.

Merchandising und die Biografie der Dinge

Arjun Appadurai hat gezeigt, dass Dinge eine soziale Lebensgeschichte haben und in unterschiedlichen Wertordnungen zirkulieren (Appadurai, 1986). Igor Kopytoff sprach von der kulturellen Biografie der Dinge (Kopytoff, 1986). Diese Ansätze sind für frühes Merchandising besonders hilfreich.

Ein Pilgerzeichen beginnt als gegossenes Massenobjekt. Es wird an einem Wallfahrtsort verkauft. Ein Pilger trägt es auf der Reise. Es wird zu Hause gezeigt, vielleicht aufbewahrt, verloren, in einen Fluss geworfen oder später archäologisch gefunden. Schließlich landet es in einer Museumssammlung oder Datenbank. Seine Bedeutung verändert sich ständig: Ware, Souvenir, Beweis, religiöses Zeichen, Fundstück, Kulturerbe.

Dasselbe gilt für römische Souvenirs. Ein Glasfläschchen kann zunächst Reiseandenken sein, später Haushaltsobjekt, Grabbeigabe, archäologischer Fund und schließlich Museumsobjekt. Gerade diese Bedeutungswanderung macht Merchandising historisch so spannend. Das Objekt ist nicht statisch. Es lebt durch Nutzung, Erinnerung und Interpretation.

Merchandising, Marken und Wiedererkennung

Ross D. Petty zeigt in seiner Geschichte des Markenschutzes, dass Marken und Zeichen historisch eng mit Herkunft, Vertrauen und Identität verbunden sind (Petty, 2016). Frühes Merchandising bewegte sich noch nicht im modernen Markenrecht. Dennoch war Wiedererkennung entscheidend. Ein Becket-Abzeichen musste als Becket-Zeichen erkennbar sein. Ein Pilgerzeichen aus Santiago musste Santiago signalisieren. Eine Gladiatorenlampe musste Arena-Kultur aufrufen.

Jonathan Schroeders Forschung zu Visual Branding hilft, diese Bildfunktion zu verstehen. Visuelle Zeichen organisieren Bedeutung und schaffen Identität (Schroeder, 2016). Frühe Merchandising-Objekte taten genau das: Sie verdichteten eine Geschichte, einen Ort oder eine Figur in einem tragbaren Bild.

In diesem Sinne gehört frühes Merchandising zur Vorgeschichte moderner Markenartikel. Es zeigt, dass Menschen Zeichen nicht nur ansehen, sondern besitzen, tragen und zeigen wollten.

Merchandising als Verbreitung von Bedeutung

Das wichtigste Prinzip frühen Merchandisings lautet: Bedeutung wird transportierbar. Ein Heiligtum kann nicht mit dem Pilger nach Hause reisen, aber ein Abzeichen kann es. Ein Gladiatorenspiel endet, aber eine Lampe kann daran erinnern. Ein Badeort liegt weit entfernt, aber ein Glasfläschchen kann ihn im Haushalt präsent machen.

Diese Funktion ist bis heute zentral. Ein Besucher kauft im Museumsshop ein Buch, eine Tasse oder ein Poster, um den Besuch zu verlängern. Ein Fan kauft ein Trikot, um Zugehörigkeit zu zeigen. Ein Tourist kauft ein Souvenir, um Erinnerung zu sichern. Die historische Kontinuität liegt nicht im Material, sondern in der sozialen Funktion.

Frühes Merchandising war deshalb nie bloß Nebenverkauf. Es war eine Form der Bedeutungsverteilung. Orte, Heilige, Spektakel und Erlebnisse konnten durch Objekte zirkulieren.

Warum frühes Merchandising nicht nur „Souvenirhandel“ war

Der Begriff Souvenir ist wichtig, aber nicht ausreichend. Ein Souvenir erinnert. Merchandising geht oft darüber hinaus, weil es Identität und Zugehörigkeit sichtbar macht. Ein Pilgerzeichen war nicht nur private Erinnerung, sondern öffentliches Zeichen. Eine Gladiatorenlampe war nicht nur Erinnerungsstück, sondern Teil einer populären Bildkultur. Ein Becket-Ampulle war nicht nur Andenken, sondern möglicherweise Träger heiliger Substanz.

Damit überschneiden sich mehrere Kategorien: Souvenir, Devotionalie, Fanobjekt, Erinnerungsstück, Statuszeichen, Reisebeweis und Markenartikel. Gerade diese Überschneidung ist historisch aufschlussreich. Moderne Kategorien sind oft zu eng, um vormoderne Objekte zu erklären.

Die Rolle des Verkaufskontextes

Merchandising entsteht nicht nur durch das Objekt, sondern auch durch den Verkaufskontext. Ein Pilgerzeichen wird besonders bedeutsam, wenn es am Schrein gekauft wird. Eine Gladiatorenlampe gewinnt eine andere Bedeutung, wenn sie im Umfeld eines Amphitheaters erworben wird. Ein Stadtfläschchen wirkt anders, wenn es an eine Reise oder einen Badeort gebunden ist.

Stanley C. Hollanders retailhistorischer Ansatz ist hierfür hilfreich, weil er den Verkaufsort als Teil der Marketinggeschichte ernst nimmt (Hollander, 1986). Auch Robert D. Tamilias Vertriebsgeschichte macht deutlich, dass Marketing nicht nur Kommunikation, sondern auch Distribution umfasst (Tamilia, 2016). Frühes Merchandising war immer an Orte gebunden: Schreine, Amphitheater, Märkte, Hafenstädte, Badeorte und Pilgerrouten.

Der Ort erzeugte Bedeutung. Der Verkauf machte sie zugänglich. Das Objekt trug sie weiter.

Kritik an einer zu modernen Lesart

Trotz aller Parallelen muss eine wichtige Einschränkung gelten: Frühes Merchandising war nicht modernes Lizenzgeschäft. Es gab keine globalen Rechteverwerter, keine Markenrichtlinien, keine Fanartikelabteilungen und keine digitalen Shops. Viele Objekte entstanden in handwerklichen oder halbstandardisierten Produktionszusammenhängen. Religiöse Objekte hatten spirituelle Bedeutung, die nicht auf Konsum reduziert werden darf.

Dennoch wäre es ebenso falsch, diese Objekte nur als Frömmigkeit, Handwerk oder Tourismus zu betrachten. Sie waren auch Teil von Märkten. Sie wurden produziert, verkauft, getragen, gesammelt, gezeigt und verbreitet. Sie verbanden Bedeutung mit Handel. Genau darin liegt ihre Relevanz für die Marketinggeschichte.

Mark Tadajewskis kritische Marketinggeschichte mahnt dazu, moderne Marketingbegriffe nicht unreflektiert zu naturalisieren (Tadajewski, 2016). Das bedeutet: Der Begriff Merchandising muss historisch vorsichtig verwendet werden. Aber als analytische Kategorie kann er helfen, eine lange Linie materieller Bedeutungskommunikation sichtbar zu machen.

Moderne Fortsetzung: Museumsshop, Fanartikel und Tourismus

Die Logik frühen Merchandisings lebt heute in vielen Formen weiter. Museumsshops verkaufen Repliken, Kataloge, Postkarten und Taschen. Sportvereine verkaufen Trikots. Musiker verkaufen Tour-Shirts. Filme verkaufen Figuren. Städte verkaufen Magnete, Tassen und Miniaturen. Pilgerwege verkaufen weiterhin Zeichen, Muscheln, Stempel und Urkunden.

Der Unterschied liegt in Produktionsmaßstab, Markenrecht, globaler Distribution und digitalem Handel. Die emotionale Grundfunktion ist jedoch erstaunlich stabil: Menschen wollen Erlebnisse besitzen, Zugehörigkeit zeigen und Erinnerung materiell sichern.

Für marketing.museum ist dieses Thema deshalb besonders geeignet. Es verbindet Antike, Mittelalter, Konsumgeschichte, Branding, Souvenirforschung, Retail History und moderne Fanökonomie. Es zeigt, dass Marketing nicht nur aus Anzeigen und Kampagnen besteht, sondern auch aus Dingen, die Menschen tragen, benutzen und aufbewahren.

Fazit

Frühe Formen von Merchandising reichen weit vor die moderne Unterhaltungsindustrie zurück. Römische Souvenirs, Gladiatorenlampen, Stadtfläschchen, mittelalterliche Pilgerzeichen und Ampullen zeigen, dass Menschen schon seit Jahrhunderten Objekte kauften, um Orte, Ereignisse, Heilige, Spektakel und Erfahrungen in den eigenen Alltag zu übertragen.

Die ältesten klar nachweisbaren merchandisingähnlichen Artikel lassen sich nicht auf ein einziges Objekt reduzieren. Besonders überzeugend sind römische Souvenirs aus der Kaiserzeit, darunter ortsbezogene Glasfläschchen und spektakelbezogene Lampen, sowie mittelalterliche Pilgerzeichen und Ampullen, die in großer Zahl produziert und getragen wurden. Die Becket-Ampullen des British Museum, die umfangreichen Bestände in Kunera und Popkins Forschung zu römischen Souvenirs zeigen, dass frühes Merchandising materiell, sozial und symbolisch gut belegbar ist.

Für die Marketinggeschichte lautet die zentrale Erkenntnis: Merchandising ist keine moderne Nebendisziplin des Marketings, sondern eine sehr alte Praxis der Bedeutungsübertragung. Es macht Erlebnisse tragbar, Orte sichtbar, Zugehörigkeit öffentlich und Erinnerung materiell. Lange vor Filmstudios, Popmusik und Sportvereinen verkauften Schreine, Spektakelorte und Reiseziele bereits Dinge, die mehr waren als Waren. Sie verkauften Teilnahme in Objektform.

Literaturverzeichnis

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