Als der Warenabsatz zum Gegenstand der Wissenschaft wurde

Was geschieht mit einem Sack Getreide, nachdem er den Bauernhof verlassen hat? Wer bestimmt seinen Preis, organisiert seinen Transport, übernimmt die Lagerung und bringt ihn schließlich zum Käufer? Diese Fragen beschäftigten amerikanische Hochschullehrer um 1900 intensiver als die Gestaltung von Werbeanzeigen oder die Entwicklung eingängiger Markenslogans. Dennoch bildeten gerade sie den Ausgangspunkt einer Wissenschaft, die heute weltweit als Marketing bekannt ist.

An der University of Michigan begann Edward David Jones im Jahr 1902, wirtschaftliche Prozesse zu unterrichten, die später dem Marketing zugerechnet wurden. Seine Lehrveranstaltung trug den Titel „The Distributive and Regulative Industries of the United States“. Im Mittelpunkt standen die Einrichtungen und wirtschaftlichen Abläufe, die Waren von ihren Herstellern zu den Abnehmern brachten (Bartels, 1951; Jones und Tadajewski, 2018).

Dieser Kurs gilt als einer der wichtigsten Ausgangspunkte der akademischen Marketingausbildung. Er war jedoch weder ein Lehrgang über moderne Werbestrategien noch der zweifelsfrei erste Unterricht über Absatzwirtschaft weltweit. Andere Hochschulen entwickelten zur gleichen Zeit ähnliche Veranstaltungen. Zudem reichen die intellektuellen Wurzeln des Fachgebiets weit in das 19. Jahrhundert und nach Europa zurück.

Die Geschichte des ersten Marketingkurses ist deshalb zugleich die Geschichte eines grundlegenden Perspektivwechsels: Wirtschaftswissenschaftler begannen, nicht nur Produktion und Verbrauch, sondern auch die komplizierten Prozesse dazwischen systematisch zu untersuchen.

Marketing existierte lange vor dem Wort Marketing

Menschen tauschten, verkauften und bewarben Waren viele Jahrhunderte, bevor Marketing als akademische Disziplin entstand. Antike Märkte, mittelalterliche Handelsnetze und frühneuzeitliche Kaufmannsorganisationen benötigten Kenntnisse über Nachfrage, Transport, Preise und Kundenbeziehungen.

Diese praktischen Erfahrungen bildeten jedoch noch kein eigenständiges Hochschulfach.

Die Unterscheidung zwischen Marketingpraxis und Marketingwissenschaft ist für die historische Einordnung entscheidend. Ein Kaufmann konnte ausgezeichnete Absatzstrategien entwickeln, ohne jemals von einer wissenschaftlichen Marketingtheorie gehört zu haben.

Eric H. Shaw und D. G. Brian Jones (2005) betonen, dass Marketing seit der Antike praktiziert und reflektiert wurde, sich aber erst im 20. Jahrhundert als eigenständige akademische Disziplin herausbildete.

Damit stellt sich eine andere Frage als die Suche nach der ältesten Werbeanzeige oder dem frühesten Händler: Wann begannen Universitäten, Handel und Distribution als zusammenhängendes Forschungs- und Lehrgebiet zu behandeln?

Die Antwort führt zunächst nicht nach Michigan, sondern zur europäischen Wirtschaftswissenschaft des 19. Jahrhunderts.

Die Deutsche Historische Schule als intellektuelle Grundlage

Die Deutsche Historische Schule entwickelte sich im 19. Jahrhundert als wichtige Strömung der Nationalökonomie. Zu ihren bekannten Vertretern gehörten Wilhelm Roscher, Bruno Hildebrand, Karl Knies und Gustav Schmoller.

Im Gegensatz zu einer ausschließlich abstrakten Betrachtung wirtschaftlicher Vorgänge betonten diese Wissenschaftler die Bedeutung historischer Entwicklungen, gesellschaftlicher Institutionen und konkreter wirtschaftlicher Verhältnisse.

Die Wirtschaft sollte nicht nur durch allgemeine Gesetzmäßigkeiten erklärt werden. Sie musste auch im Zusammenhang mit staatlichen Regelungen, kulturellen Gewohnheiten, technischen Veränderungen und institutionellen Strukturen verstanden werden.

Für die spätere Marketingwissenschaft war dieser Ansatz besonders fruchtbar.

Wer die Distribution von Waren untersuchen wollte, musste sich mit Großhändlern, Einzelhändlern, Verkehrswegen, Lagerhäusern, Handelsorganisationen und Marktregeln beschäftigen.

Solche Einrichtungen waren keine nebensächlichen Bestandteile des Wirtschaftslebens. Sie beeinflussten, welche Waren überhaupt verfügbar waren, welche Preise entstanden und welche Regionen miteinander Handel treiben konnten.

Jones und Monieson (1990) zeigten anhand historischer Archivmaterialien, dass die Deutsche Historische Schule eine wesentliche philosophische Grundlage des frühen Marketingdenkens bildete.

Jones und Tadajewski (2018) vertieften diese Erkenntnis und rekonstruierten die Verbindungen zwischen deutschen Ökonomen und den amerikanischen sowie britischen Pionieren der Marketingausbildung.

Warum amerikanische Wissenschaftler in Deutschland studierten

Im späten 19. Jahrhundert war Deutschland ein bedeutendes Zentrum wirtschaftswissenschaftlicher Ausbildung.

Zahlreiche amerikanische Wissenschaftler reisten an deutsche Universitäten, um sich mit historischen und institutionellen Ansätzen der Nationalökonomie vertraut zu machen.

Diese akademische Mobilität hatte langfristige Folgen.

Die Rückkehrer übernahmen nicht einfach einzelne Theorien. Sie brachten neue Vorstellungen davon mit, wie wirtschaftliche Forschung betrieben werden konnte.

Statistische Erhebungen, historische Vergleiche und die Untersuchung konkreter Wirtschaftsorganisationen erhielten größere Bedeutung.

Die Entstehung der amerikanischen Marketingwissenschaft lässt sich deshalb nicht ausschließlich als Reaktion auf die Bedürfnisse amerikanischer Unternehmen erklären.

Sie war zugleich Teil eines internationalen Wissenstransfers.

Jones und Tadajewski (2018) zeigen, dass die frühen amerikanischen und britischen Marketingforscher die Bedeutung deutscher wissenschaftlicher Ansätze teilweise ausdrücklich anerkannten.

Besonders bemerkenswert ist dabei der gesellschaftspolitische Hintergrund: Für manche frühen Ökonomen ging es nicht nur darum, den Absatz einzelner Unternehmen zu verbessern. Sie wollten auch verstehen, ob wirtschaftliche Verteilungssysteme effizient, gerecht und gesellschaftlich nützlich funktionierten.

Damit unterschieden sich ihre Fragestellungen deutlich vom später dominierenden Verständnis des Marketings als unternehmerischem Managementinstrument.

Richard T. Ely und die University of Wisconsin

Eine wichtige Verbindung zwischen der Deutschen Historischen Schule und der amerikanischen Wirtschaftswissenschaft bildete Richard T. Ely.

Ely studierte in Deutschland und wurde zu einem einflussreichen Vertreter einer stärker historischen und institutionellen Ökonomie in den Vereinigten Staaten.

An der University of Wisconsin entwickelte sich ein Umfeld, in dem wirtschaftliche Institutionen, gesellschaftliche Reformen und praktische Probleme der amerikanischen Wirtschaft besondere Aufmerksamkeit erhielten.

Jones und Tadajewski (2018) widmen diesem wissenschaftlichen Umfeld ein eigenes Kapitel.

Die University of Wisconsin war damit nicht nur ein späterer Standort der Marketingausbildung. Sie gehörte bereits vor der breiten Verbreitung des Begriffs Marketing zu den Einrichtungen, in denen wichtige Voraussetzungen für das Fachgebiet entstanden.

Auch Edward David Jones stand in Verbindung mit diesem akademischen Milieu.

Die Entwicklung zeigt, warum die Geschichte der Marketingwissenschaft nicht sinnvoll auf ein einziges Datum reduziert werden kann. Bevor eine Lehrveranstaltung in Michigan angeboten wurde, hatten sich wissenschaftliche Fragestellungen und Methoden bereits über mehrere Jahrzehnte herausgebildet.

Edward David Jones: Ein Pionier zwischen Ökonomie und Unternehmenspraxis

Edward David Jones gehörte zu jener Generation amerikanischer Hochschullehrer, die den Unterricht über wirtschaftliche Institutionen und betriebliche Abläufe ausweiteten.

Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass er Themen wie Distribution und Handel systematisch in die universitäre Lehre einbezog.

Im Jahr 1902 bot er an der University of Michigan eine Veranstaltung an, die später als einer der frühesten akademischen Marketingkurse eingeordnet wurde.

Der ursprüngliche Titel „The Distributive and Regulative Industries of the United States“ macht deutlich, dass der damalige Unterricht anders aufgebaut war als ein heutiges Marketingstudium.

Es ging um die wirtschaftlichen Einrichtungen, die den Warenverkehr organisierten, und um die Bedingungen, unter denen diese Einrichtungen arbeiteten.

Die häufige Bezeichnung als erster Marketingkurs ist daher eine rückblickende Einordnung.

Jones selbst verwendete für die Lehrveranstaltung nicht den heute üblichen einfachen Titel „Marketing“ (Bartels, 1951; Jones und Tadajewski, 2018).

Das schmälert die historische Bedeutung des Kurses nicht. Im Gegenteil: Es verdeutlicht, wie sich eine neue wissenschaftliche Disziplin zunächst innerhalb bestehender Fachgebiete entwickelte.

Was die Studenten im Jahr 1902 untersuchten

Der Inhalt früher Marketingveranstaltungen lässt sich nur verstehen, wenn man die wirtschaftlichen Herausforderungen der damaligen Zeit berücksichtigt.

Die amerikanische Wirtschaft war von räumlicher Expansion, industrieller Produktion und einer zunehmenden Arbeitsteilung geprägt.

Ein Produkt konnte an einem Ort hergestellt, an einem anderen gelagert und Hunderte Kilometer entfernt verkauft werden.

Zwischen Hersteller und Endverbraucher standen häufig mehrere Handelsstufen.

Die Organisation dieser Prozesse war wirtschaftlich bedeutsam und wissenschaftlich keineswegs selbstverständlich.

Frühe Lehrveranstaltungen beschäftigten sich deshalb mit Großhandel, Einzelhandel, Transport, Absatzwegen, Warenmärkten und staatlicher Regulierung.

Für das akademische Marketing war dies eine grundlegende Entscheidung: Nicht allein die Herstellung einer Ware, sondern ihr Weg durch das Wirtschaftssystem wurde zum eigenständigen Untersuchungsgegenstand.

Jones und Tadajewski (2018) beschreiben die frühe Disziplin entsprechend als Ergebnis wirtschaftswissenschaftlicher Forschung über Handel und Distribution.

War Michigan wirklich die erste Universität?

Die historische Prioritätsfrage wurde bereits im 20. Jahrhundert diskutiert.

H. H. Maynard untersuchte 1941 die frühen Hochschullehrer des Marketings und hob die University of Michigan und Edward David Jones hervor.

Spätere Hinweise anderer Pioniere zeigten jedoch, dass vergleichbare Veranstaltungen auch an anderen amerikanischen Hochschulen angeboten wurden.

Besonders wichtig sind die University of California und die University of Illinois.

Simon Litman unterrichtete 1902/1903 an der University of California, Berkeley, einen Kurs mit der Bezeichnung „The Technique of Trade and Commerce“.

George M. Fisk wird mit frühen Handels- und Distributionsveranstaltungen an der University of Illinois in Verbindung gebracht.

Die Unterschiede zwischen diesen Kursen und dem Angebot von Jones sind historisch relevant. Sie betrafen nicht nur die Termine, sondern auch die Bezeichnungen und inhaltlichen Schwerpunkte.

Eine Untersuchung der frühen amerikanischen Marketingausbildung dokumentiert mehrere dieser parallel entstandenen Angebote (Jones, 2004; Jones und Tadajewski, 2018).

Die angemessene historische Aussage lautet deshalb: Jones gehörte zu den ersten nachweisbaren Hochschullehrern eines Fachgebiets, das später Marketing genannt wurde. Die absolute weltweite Erststellung seines Kurses ist nicht zweifelsfrei gesichert.

Simon Litman: Ein oft übersehener Marketingpionier

Simon Litman gehört zu den bemerkenswerten Persönlichkeiten der frühen Marketingwissenschaft.

Seine akademische Karriere begann 1902 an der University of California, Berkeley. Später arbeitete er über viele Jahre an der University of Illinois.

D. G. Brian Jones (2004) untersuchte Litmans Leben und wissenschaftliche Beiträge ausführlich.

Dabei zeigte sich, dass Litman nicht nur wegen seiner frühen Lehrveranstaltungen wichtig war.

Er beschäftigte sich auch mit internationalen Handelsbeziehungen und gehörte zu den Pionieren dessen, was heute als internationales Marketing bezeichnet wird.

Dieser Schwerpunkt war für die damalige Zeit besonders bedeutsam.

Wachsende Handelsverflechtungen stellten Unternehmen und Wirtschaftswissenschaftler vor Fragen zu ausländischen Märkten, Handelsbedingungen und internationalen Absatzwegen.

Litmans Arbeit verdeutlicht, dass das frühe Marketing von Beginn an eine internationale Dimension besaß.

Die Vorstellung, Marketing habe sich zunächst ausschließlich mit Werbung und inländischen Konsumenten beschäftigt, wird der historischen Entwicklung nicht gerecht.

George M. Fisk und die University of Illinois

Auch George M. Fisk spielte in der frühen amerikanischen Hochschulausbildung eine Rolle.

An der University of Illinois wurden bereits im akademischen Jahr 1902/1903 Veranstaltungen angeboten, die sich mit Binnenhandel, Außenhandel und Märkten beschäftigten.

Diese Angebote zeigen, dass mehrere Hochschulen nahezu gleichzeitig auf dieselben wirtschaftlichen Veränderungen reagierten.

Die Entwicklung war kein Zufall.

Industrialisierung und Handelswachstum schufen einen Bedarf an akademischem Wissen über Absatzsysteme.

Universitäten begannen, diese Probleme in Lehrveranstaltungen zu behandeln, auch wenn sie dafür unterschiedliche Begriffe verwendeten.

Jones und Tadajewski (2018) rekonstruieren die Entwicklung an der University of Illinois und stellen insbesondere die Bedeutung von Litman und den frühen Handelskursen heraus.

Noch ältere akademische Vorläufer in Europa

Die Suche nach älteren Beispielen führt erneut nach Deutschland und Großbritannien.

An europäischen Hochschulen wurden bereits im 19. Jahrhundert Fragen des Handels, der Wirtschaftsgeschichte, der Warenverteilung und der betrieblichen Organisation behandelt.

Allerdings ist eine entscheidende Unterscheidung erforderlich.

Ein älterer Kurs über Handelswissenschaft ist nicht automatisch ein früher Marketingkurs im engeren Sinne.

Für eine historische Prioritätsbehauptung müsste geklärt werden, welche Themen tatsächlich unterrichtet wurden, ob es sich um eine eigenständige Lehrveranstaltung handelte und wie eng ihr Inhalt mit späteren Marketingkonzepten verbunden war.

Jones und Tadajewski (2018) weisen ausdrücklich darauf hin, dass Unterricht über marketingnahe Themen in Deutschland möglicherweise früher stattfand als die bekannten amerikanischen Veranstaltungen.

Sie untersuchen außerdem die Entwicklung der akademischen Handelsausbildung in Großbritannien.

Damit ist eine weltweite Ersterfindung des Marketingunterrichts durch Jones nicht hinreichend nachgewiesen.

Die besondere Bedeutung von Michigan liegt vielmehr in der vergleichsweise gut dokumentierten Institutionalisierung eines neuen Fachgebiets.

Birmingham und die britische Handelsausbildung

Ein wichtiges europäisches Beispiel ist die University of Birmingham.

Dort entstand 1902 eine Faculty of Commerce, die als früher universitärer Standort für eine umfassende akademische Handelsausbildung gilt.

William James Ashley gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten dieser Entwicklung.

Seine wissenschaftliche Arbeit verband Wirtschaftsgeschichte und wirtschaftliche Institutionen mit Fragen der kaufmännischen Ausbildung.

Die Entwicklung in Birmingham verdeutlicht, dass die akademische Auseinandersetzung mit Handel und Absatz nicht ausschließlich in den Vereinigten Staaten stattfand.

Auch britische Hochschulen suchten nach neuen Wegen, wirtschaftliche Praxis und wissenschaftliche Ausbildung miteinander zu verbinden.

Jones und Tadajewski (2018) behandeln Birmingham und Ashley ausdrücklich als Teil der internationalen Vorgeschichte der Marketingwissenschaft.

Die zeitliche Nähe zwischen Michigan und Birmingham ist besonders aufschlussreich: Um 1902 entstanden an verschiedenen Orten neue institutionelle Antworten auf die Anforderungen moderner Handelswirtschaften.

Die ersten Marketinglehrbücher

Ein neues Hochschulfach benötigt mehr als einzelne Lehrveranstaltungen.

Es braucht Begriffe, Lehrmaterialien, Forschungsfragen und eine gemeinsame wissenschaftliche Sprache.

In der Frühphase des Marketings fehlten viele dieser Voraussetzungen.

Dozenten mussten Unterrichtsinhalte aus wirtschaftswissenschaftlichen Texten, amtlichen Berichten, Handelsstatistiken und praktischen Erfahrungen zusammenstellen.

Erst allmählich entstand eine spezialisierte Lehrbuchliteratur.

Robert Bartels (1951) untersuchte die Einflüsse auf die Entwicklung des Marketingdenkens zwischen 1900 und 1923.

Seine historische Darstellung zeigt, wie sich aus einzelnen Fragestellungen nach und nach ein eigenständiger wissenschaftlicher Zusammenhang entwickelte.

Das war ein schrittweiser Prozess.

Die akademische Disziplin entstand nicht an einem Tag und auch nicht durch die Veröffentlichung eines einzigen Lehrbuchs.

Ralph Starr Butler und der Name Marketing

Ein wichtiger späterer Schritt war die ausdrückliche Verwendung des Begriffs Marketing für akademische Lehrveranstaltungen.

Ralph Starr Butler wird mit einem Kurs an der University of Wisconsin in Verbindung gebracht, der um 1910/1911 unter der Bezeichnung Marketing angeboten wurde.

Dieser Schritt ist von den früheren Distributionskursen zu unterscheiden.

Jones hatte 1902 bereits wesentliche Gegenstände der späteren Marketingwissenschaft unterrichtet. Butler steht dagegen für die stärkere begriffliche Verselbstständigung des Fachgebiets.

Die Entwicklung eines Namens ist für eine akademische Disziplin keineswegs nebensächlich.

Er erleichtert die Einrichtung eigenständiger Kurse, die Veröffentlichung spezialisierter Literatur und die Bildung professioneller Gemeinschaften.

Mit dem Begriff Marketing konnten unterschiedliche Fragestellungen unter einer gemeinsamen Bezeichnung zusammengeführt werden (Bartels, 1951; Shaw und Jones, 2005).

Drei frühe Schulen des Marketingdenkens

Die frühe Marketingwissenschaft entwickelte unterschiedliche Ansätze zur Untersuchung wirtschaftlicher Absatzprozesse.

Shaw und Jones (2005) beschreiben insbesondere die funktionale, die warenbezogene und die institutionelle Betrachtungsweise als wichtige traditionelle Zugänge.

Die funktionale Perspektive untersuchte Aufgaben, die für den Absatz von Waren erfüllt werden mussten. Dazu gehörten beispielsweise Transport, Lagerung, Finanzierung und die Organisation des Austauschs.

Die warenbezogene Perspektive beschäftigte sich mit bestimmten Produktgruppen und deren Absatzbedingungen. Agrarprodukte konnten andere Handelswege benötigen als industrielle Konsumgüter.

Die institutionelle Perspektive richtete den Blick auf die Organisationen des Marktes, etwa Großhändler, Einzelhändler und andere Vermittler.

Diese Ansätze zeigen, wie weit das frühe Marketing von der heutigen populären Gleichsetzung mit Werbung entfernt war.

Im Mittelpunkt stand zunächst das wirtschaftliche System, das Waren verfügbar machte.

Vom gesellschaftlichen Verteilungssystem zum Unternehmensmanagement

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts veränderte sich die Perspektive der Marketingwissenschaft.

Die frühen Forscher untersuchten häufig Handelsinstitutionen und gesamtwirtschaftliche Verteilungsprozesse.

Spätere Ansätze richteten ihre Aufmerksamkeit stärker auf die Entscheidungen einzelner Unternehmen.

Fragen nach Produktgestaltung, Preis, Kommunikation und Absatzkanälen gewannen an Bedeutung.

Diese Entwicklung war nicht einfach ein Ersatz der älteren Forschung.

Sie bedeutete eine Ausweitung und teilweise Neuordnung des Fachgebiets.

Shaw und Jones (2005) zeigen, dass die Geschichte der Marketingwissenschaft durch mehrere Schulen und Perspektiven geprägt ist.

Die frühen institutionellen und funktionalen Ansätze blieben für das Verständnis von Märkten bedeutsam, auch als unternehmensbezogene Marketingkonzepte stärker in den Vordergrund traten.

Robert Bartels und die Erforschung der eigenen Fachgeschichte

Robert Bartels gehörte zu den wichtigsten Historikern des Marketingdenkens.

Er untersuchte, wie sich das Fachgebiet im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte und welche Personen und Ideen dabei eine Rolle spielten.

Sein Aufsatz von 1951 über die Einflüsse auf das Marketingdenken zwischen 1900 und 1923 zählt zu den grundlegenden Arbeiten zur frühen Fachgeschichte.

Bartels trug dazu bei, dass die Entstehung des Marketings selbst zu einem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung wurde.

Seine Darstellungen waren für spätere Historiker ein wichtiger Ausgangspunkt.

Allerdings wurden einzelne Aspekte durch neuere Archivstudien ergänzt und teilweise neu bewertet.

Insbesondere die Bedeutung der Deutschen Historischen Schule und der internationalen akademischen Verflechtungen wurde von Jones, Monieson und Tadajewski stärker herausgearbeitet (Jones und Monieson, 1990; Jones und Tadajewski, 2018).

Das zeigt, dass auch die Geschichte einer Wissenschaft fortlaufend neu untersucht werden muss.

Die Entstehung der Marketingwissenschaft war international

Die verbreitete Erzählung, Marketing sei 1902 in Michigan erfunden worden, ist zu einfach.

Michigan war ein wichtiger Standort. Aber die wissenschaftlichen Voraussetzungen entstanden in einem internationalen Zusammenhang.

Deutsche Nationalökonomen beeinflussten amerikanische Wissenschaftler.

Amerikanische Universitäten entwickelten nahezu gleichzeitig Lehrveranstaltungen über Distribution und Handel.

Britische Hochschulen bauten wirtschafts- und handelswissenschaftliche Studiengänge auf.

Spätere Marketinghistoriker rekonstruierten diese Verbindungen anhand von Archivmaterialien und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Ergebnis ist eine wesentlich differenziertere Geschichte als die Suche nach einem einzigen Erfinder.

Marketing entstand als akademische Disziplin dort, wo sich wirtschaftliche Veränderungen, neue Forschungsfragen und institutionelle Hochschulentwicklungen überschnitten.

Warum 1902 trotzdem ein Meilenstein bleibt

Trotz der älteren Vorläufer besitzt das Jahr 1902 einen besonderen Platz in der Marketinggeschichte.

Mit Jones in Michigan, Litman in Kalifornien und frühen Veranstaltungen in Illinois wurde die Untersuchung von Absatz und Distribution an amerikanischen Hochschulen sichtbar institutionalisiert.

Diese Entwicklung schuf Voraussetzungen für spätere Lehrbücher, wissenschaftliche Zeitschriften und eigenständige Marketingprogramme.

Die historische Leistung bestand darin, dass Handel und Warenverteilung nicht länger ausschließlich als praktische Erfahrung von Kaufleuten behandelt wurden.

Sie wurden zu Gegenständen systematischer akademischer Untersuchung.

Damit begann ein Prozess, aus dem sich die heutige Marketingwissenschaft entwickeln konnte.

Fazit: Der erste Marketingkurs war kein einzelner Erfindungsmoment

Edward David Jones gehört zu den wichtigsten Pionieren der akademischen Marketingausbildung.

Sein Kurs von 1902 an der University of Michigan ist ein bedeutender Meilenstein.

Er war jedoch nicht eindeutig der weltweit erste Unterricht über marketingrelevante Themen. Simon Litman, George M. Fisk und weitere Hochschullehrer entwickelten nahezu zeitgleich vergleichbare Angebote. In Europa existierten zudem ältere wissenschaftliche Traditionen, die sich mit Handel, Distribution und wirtschaftlichen Institutionen beschäftigten.

Besonders wichtig war der Einfluss der Deutschen Historischen Schule. Sie vermittelte frühen Marketingforschern die Vorstellung, dass wirtschaftliche Austauschprozesse nur im Zusammenhang mit ihren historischen und gesellschaftlichen Bedingungen verstanden werden können.

Die Entstehung des Marketings als Wissenschaft war deshalb kein einzelner Erfindungsakt. Sie war ein internationaler, schrittweiser Prozess.

Für die Geschichte des Marketings bleibt 1902 dennoch ein entscheidendes Jahr: Die Organisation des Absatzes wurde zunehmend zu einer eigenständigen akademischen Aufgabe.

Literaturverzeichnis

Bartels, R. (1951) ‚Influences on the Development of Marketing Thought, 1900-1923‘, Journal of Marketing, 16(1), S. 1-17.

Jones, D.G.B. (2004) ‚Simon Litman (1873-1965): Pioneer marketing scholar‘, Marketing Theory, 4(4), S. 343-361. https://doi.org/10.1177/1470593104049350.

Jones, D.G.B. und Monieson, D.D. (1990) ‚Early Development of the Philosophy of Marketing Thought‘, Journal of Marketing, 54(1). https://doi.org/10.1177/002224299005400107.

Jones, D.G.B. und Tadajewski, M. (2018) Foundations of Marketing Thought: The Influence of the German Historical School. Abingdon: Routledge.

Shaw, E.H. und Jones, D.G.B. (2005) ‚A History of Schools of Marketing Thought‘, Marketing Theory, 5(3), S. 239-281. https://doi.org/10.1177/1470593105054898.